Qualitätsmanagement in der Arztpraxis – Mehr als nur Pflichtprogramm

Aus- und Weiterbildungen
im Gesundheitswesen

Qualitätsmanagement (QM) ist heute aus modernen Arztpraxen nicht mehr wegzudenken. Doch was bedeutet es konkret im Praxisalltag? Wo liegt der Mehrwert – und welche Herausforderungen bringt es mit sich?

Wir haben mit Danja Gschwind, Leitung Qualitätsmanagement bei Medvadis, gesprochen. Das Interview führte Hella Hermann, Betriebsleiterin und Mitglied der Geschäftsleitung.

Welche Funktion hast du in der Praxis, und wie lange arbeitest du bereits im Gesundheitswesen?
Ich leite das Qualitätsmanagement bei Medvadis und bin seit Februar 2024 – also seit gut zwei Jahren – im Gesundheitswesen tätig.

Welche Berührungspunkte hast du konkret mit dem Qualitätsmanagement in eurer Praxis?
QM ist mein Hauptverantwortungsbereich. Meine Aufgabe besteht darin, die Qualität in allen Medvadis-Arztpraxen zu sichern und weiterzuentwickeln. Konkret bedeutet das: Ich vereinheitliche und vereinfache Prozesse – immer in enger Zusammenarbeit mit den Teams vor Ort. Alle Abläufe sind in SOPs und Konzepten dokumentiert; Checklisten, Merkblätter und digitale Systeme unterstützen die tägliche Anwendung.
Darüber hinaus verantworte ich die Überwachung von Hygiene- und Gerätemanagement sowie die Gewährleistung des betrieblichen Datenschutzes.

Was bedeutet Qualitätsmanagement für dich persönlich im Praxisalltag?
Für mich ist QM kein Selbstzweck. Es geht darum, eine hohe Behandlungsqualität und Patientensicherheit zu gewährleisten – und das mit Prozessen, die schlank, realistisch und im Alltag tatsächlich lebbar sind. Die Vorgaben orientieren sich an gesetzlichen Richtlinien, Fehler werden systematisch erfasst und konkrete Massnahmen abgeleitet, um Wiederholungen zu vermeiden.
Mir ist wichtig, dass das Team QM nicht als bürokratische Pflicht erlebt, sondern als etwas, das den Arbeitsalltag erleichtert. Mein Ziel ist ein praxisnahes, motivierendes QM – kein Handbuch, das im Regal verstaubt.

Was bedeutet Qualitätsmanagement im Praxisalltag konkret?
Konkret zeigt sich QM im Alltag dort, wo Abläufe reibungslos funktionieren: wenn neue Mitarbeitende schnell und strukturiert eingearbeitet werden, wenn Fehler nicht wiederholt werden, wenn hygienische Standards konsequent eingehalten werden – und wenn alle Beteiligten wissen, warum sie was wie tun. Kurz: QM ist gelebte Praxis, keine Papierübung.

Wo bringt QM den grössten Mehrwert?
Der Nutzen zeigt sich auf mehreren Ebenen:

  • Patientensicherheit und Patientenzufriedenheit werden spürbar verbessert.
  • Doppelarbeit wird vermieden – klare Prozesse schaffen Effizienz.
  • Neue Mitarbeitende können präziser und schneller eingearbeitet werden.
  • Risiken werden frühzeitig erkannt und präventiv adressiert.
  • Fehlerhafte Ausgaben und unnötige Kosten lassen sich reduzieren.

Was ist die grösste Herausforderung?
Die grösste Herausforderung ist und bleibt die Motivation: Das Team muss den Mehrwert von QM tatsächlich erkennen – und nicht das Gefühl haben, dass es sich um zusätzliche Belastung handelt.
Eng damit verbunden ist die Frage der Verbindlichkeit: Es reicht nicht, Vorgaben zu definieren und abzuhaken. Entscheidend ist, ob die Abläufe in der Praxis wirklich umgesetzt werden – und nicht nur formal als erledigt markiert sind. Das setzt regelmässige Kontrolle und ein aufmerksames Auge voraus.

Wie gelingt eine gute Umsetzung im Team?
Einige Elemente haben sich dabei bewährt:

  • Eine QM-Verantwortliche direkt vor Ort zu definieren – jemand, der als Ansprechperson und Multiplikatorin funktioniert.
  • Die Mitarbeitenden aktiv einzubeziehen: Wer eigene Abläufe mitgestalten kann, trägt sie auch mit.
  • Eine offene Fehlerkultur zu etablieren – ohne Schuldzuweisungen, aber mit konsequenter Analyse.
  • Die Dokumentation so schlank wie möglich zu halten. Dass dies nicht immer realistisch ist, muss man ehrlich sagen: Wo Fehlerrisiken hoch sind, braucht es mehr Schriftlichkeit, nicht weniger.

Gibt es Tools oder Systeme, die euch die QM-Arbeit erleichtern?
Für die interne Qualitätskontrolle im Labor setzen wir auf «q.check» – ein System, das sich in der Praxis bewährt hat. Ein digitales QS-System befindet sich aktuell noch in der Evaluation, daher kann ich dazu noch keine abschliessende Beurteilung abgeben.

Welchen Tipp würdest du einer Praxis geben, die QM neu aufbauen möchte?
Mein wichtigster Rat: Von Anfang an digital arbeiten – analoge Parallelstrukturen sind kaum wartbar und bremsen die Weiterentwicklung.
Genauso wichtig: Die Ziele und den konkreten Nutzen von QM klar benennen und kommunizieren, bevor die ersten Formulare ausgefüllt werden. Wer das Team von Beginn an mitnimmt und den Sinn vermittelt, legt das Fundament für ein QM, das wirklich gelebt wird.

Warum lohnt es sich aus deiner Sicht, Zeit in QM zu investieren?
Weil die Zeit, die man in gute Prozesse investiert, sich vielfach zurückzahlt – durch weniger Fehler, weniger Doppelarbeit, schnellere Einarbeitung neuer Mitarbeitender und letztlich durch mehr Sicherheit für Patientinnen und Patienten. QM ist kein Kostenfaktor, sondern ein Qualitätsfaktor. Und eine Praxis, die das verinnerlicht hat, arbeitet nicht nur effizienter – sie ist auch ein besserer Ort für alle, die dort tätig sind.

Vielen Dank an Danja Gschwind für das Interview.